Ein Phänomen

10. April 2006, gebloggt von madmarx

So, liebe Leute, ich werde euch nun in unregelmäßiger Folge mit Texten versorgen, mit kritischen Randbemerkungen, mit Polemischem, Erheiterndem, mit Bösartigkeiten gegen eine rundgelutschte Welt überangepasster Konsumenten, mit Nachdenklichem und, im besten Falle, mit zum Nachdenken anregenden. Schuld eigene, was liest ihr mich auch.

Wer ich bin? Irgendwo ist hier ein Link auf meine Website, per Email stehe ich Rede und Antwort, mehr ist nicht notwendig. Es geht nicht um mich, es geht um Inhalte, um Sachen, die mir auf der Seele brennen, Dinge, die ich beobachte, die mich staunen lassen, mich inspirieren, erheitern, die ich ernst nehme oder auch nicht, oder die mich – mit Verlaub – zum Kotzen treiben. Auf jeden Fall vertrete ich eindeutige Positionen und scheue auch die Kontroverse nicht. Wem das nicht passt, der sammle meine Rechtschreibfehler, nenne mich Manfred und mache einen Bogen um meine Artikel.

Damit ich nicht gleich mit dem ersten Artikel mit der Türe ins Haus falle – „Mach bitte die Tür zu, ich möchte rein…!“ – widme ich mich heute einem Phänomen:

Jägermeister.

Dank der Gnade meiner frühen Geburt lernte ich Jägermeister als das kennen, was er war, ist und sein sollte: ein durch und durch spießiges Gesöff für schmerzbefreite Stammtischhänger, die sich dank alkoholkonservierter Kräutermixtur quasi ökologisch in die Kiste saufen wollen. In Italien gibt’s das auch, man nennt es sportlich Ramazotti und es wird nach dem Essen in homöopathischen Dosen zur Unterstützung der Verdauung genossen. Mit Schweppes-Gesicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, fristen diese netten Kräutergemeinheiten auch heute noch ihre angestaubte Existenz in den verräucherten Regalen Neukölner - und Turiner - Eckkneipen.

Doch es kam ganz anders.

Irgendwann in den 80er Jahren kamen findige Werber auf die Idee, eine Kampagne loszutreten mit launigen Anzeigen: „Ich trinke Jägermeister, weil…“. Jeder schräge Typ durfte sich mal mit fingiertem Spruch in ganzseitigen Anzeigen wieder finden, sogar das Satiremagazin „Titanic“ griff diese Kampagne parodistisch auf. Einem kleiner Junge mit Irokesenschnitt, Punkklamotten und Stinkefinger wurde in den milchbezahnten Mund gelegt: „Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zur Zeit im Knast sitzt…“. War es Mitleid, dass die kochende Volksseele geschlossen zur Kräuterplörre griff, um sich die Fontanellen abzuschießen? Oder Solidarität?

Den Durchbruch brachte dann aber ausgerechnet friedliches Feiervolk in Clubs und auf Raves. Offenbar von allen guten Kellergeistern verlassen kam zusammen, was nicht zusammen passte. Fette, treibende Beats und spießbürgerlicher Promillekleister, zur offenbar nötigen Stabilisierung des geplagten Verdauungstrakts gerne mit kleinen smilyverzierten Pillen unterstützt. Die Nacht beginnt, Jonny Walker geht.

Ob zum Handtaschenweitwurf ausgerückte Housefrauen, ob anabolikageschwängerte Fleischklopse, ob Schäferhunde schubsende Punks, ob picklige Pennäler, ob mit zur Faust geballtem Gesicht geparkte Türsteher, ob allürende Popstars an den Plattentellern, alle einte plötzlich der Griff zur grünen Flasche. Erstmal einen Jäger, aber pronto. Taschengeld fast alle? Gehalt im roten Bereich? Kopfhörer vergessen? Tieftöner kaputt? Freunde verloren? Hauptsache noch einen Jäger, aber pronto. Mund auf, Kopf zu, Nase zu, Augen zu. Einer geht noch. Aber pronto. So wurde in Wahrheit das Schweppes-Gesicht erfunden. Darauf einen Jäger. Runter muss er doch. Aber pronto. Schließlich verlangen doch auch einige Booker für ihre Technovollzugsbeamten eine eisgekühlte Flasche vom würzigen Kopfkleister. Also. Noch einen. Dann stört die Musik auch nicht mehr so. Aber das wäre wieder eine ganz andere Geschichte…

Was aber erklärt dieses Phänomen? Denn etwas habe ich bei meinen Recherchen zum Thema nicht gefunden: Menschen, denen Jägermeister SCHMECKT! Für sachdienliche Hinweise wäre ich sehr dankbar.

Prost.

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Der Beitrag wurde am Montag, den 10. April 2006 um 17:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

9 Reaktionen zu “Ein Phänomen”

  1. soleil

    geil….also mir schmeckt der fusel :)

  2. Praktikant

    Cool.. obwohl ich mich seit anfang der 90er und der Ravermeister zeit nicht mehr wirklich mit dem thema Jägermeister beschäftigt hab.

  3. 140bpm

    also mir scheckt die scheisse und ich kenn noch viele andere leute, denen es ähnlich geht ;) :P

  4. madmarx

    Hat was: “…die Scheiße schmeckt mir…” - Hat eigentlich schon mal jemand die Packungsbeilage gelesen? Das Zeug ist unter Umständen nur für äußerliche Anwendungen zugelassen…

    Tipp für die ganz Harten: Fernet Branca oder Fernet Menta. Oder die beiden 1:1 mischen. Ich kannte da jemanden, der nannte das dann “die kleine Verhustung”! Wohl bekomms.

  5. soleil

    heheheh…….joa das kommt immer gut :)

  6. enSonic.FM

    an jm komm ich irgendwie nicht ran, aber dafür umsomehr an ramazotti *g auch wenn es sich recht ähnelt ;]

  7. 140bpm

    na micha, weest doch, das sich viele techies allemöglichen sachen in den mund werfen, die angeblich schmecken.
    ich z.b. zerkau grad genüsslich ein teil… öhm… ich muss mal mal kurz weg… :D

  8. soleil

    also ich lutsche ja lieber…..als kauen

  9. Praktikant

    Jägermeister werfen? Das tut doch weh.

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