Interview mit Miss Joana aus Linz: hart - aber herzlich…

16. Mai 2006, gebloggt von madmarx

mm Hi Joana, es ist mir eine besondere Freude, Dich als erste einer Reihe außergewöhnlicher weiblicher DJs zu interviewen. Ich mache bewusst mit Dir den Anfang, um zu zeigen, dass gerade der Nachwuchs auch Forum bekommen sollte, um über sich, den musikalischen Werdegang, Musikstil, Entwicklung, Träume und Ziele zu berichten. Im Wechsel dazu werden Ikonen der elektronischen Musik zu Wort kommen.

Joana, stell’ Dich unseren Lesern doch bitte einmal kurz vor. Wer bist Du, wo kommst Du her und wie würdest Du Dich charakterisieren?

Joana Wer bin ich? Nun gut. Das fragt man sich in meinem Alter wohl öfter mal ;-) Also: geboren wurde ich am 19.06.1982 in Wels / Oberösterreich. Ich lebte dort mit meinen Eltern, verbrachte aber auch viele Monate im Pinzgau, das ist im Salzburger Land, bei meiner Großmutter. Dort gibt es wohl genau dass, was viele als das typische Österreich bezeichnen, weswegen es eine beliebte Urlaubsregion ist.

Jahre lang habe ich im Chor gesungen, wurde musikalisch immer durch meinen Vater gefördert, nicht zuletzt mit einer Gesangsausbildung. Im Alter von 15/16 wurde allerdings das andere Geschlecht zu interessant für mich um mich weiterhin der Musik zu widmen. Ich schloss meine Schulausbildung ab und fing eine Lehre zur Speditionskauffrau und Disponentin an, um nun schwer arbeitende LKW-Fahrer durch die Welt zu scheuchen.

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. An sich. Aber hab auch auf der anderen Seite den gesunden Wahnsinn in mir. Ich bin Verrückt, keine Frage, allerdings nicht auf die negative Art, eher im Sinne von einem Leben deutlich neben der Norm, dem Normalen. Und ich würde mich doch trauen, zu behaupten, ich wäre ein netter Mensch, jedenfalls meistens.

mm Die Standardfrage lautet: Wie fing das Auflegen bei Dir an? Wann war das?

Joana Hier gibt es nicht die typische Geschichte wie bei den meisten anderen. Ich wollte nie DJ werden, hab nicht schon mit 14 meine ersten Teller in irgendwelchen Garagen bei Freunden gedreht. NEIN. Meine “Story” ist weniger Glamourös: 2004 trennte ich mich nach einer langjährigen Beziehung. Plötzlich war sie da, eine Menge Zeit. Ich wusste nichts damit anzufangen, hatte keinen ausgeprägten Hobbys. Nichts. Da meinte mein Stiefvater, der wohl meine Langeweile mitbekam, ich sollte mir doch Turntables kaufen. Wohl eher im Scherz. Da ich aber ein recht spontaner Mensch bin und gerne Neues ausprobiere, hab ich genau das getan. Im Juni 2004 hatte ich nun das Geld für 2 Technics 1210 und einen Mixer Pioneer DJ M600 gespart und kaufte mir an meinem Geburtstagswochenende meine lang ersehnten “Babys”. Nun stand ich da, keine Ahnung von irgendwas.

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf von einem Bekannten. Er fragte mich, ob ich im August auf einem Event in Salzburg spielen wollte. Ich stand vor der Entscheidung, die Chance einfach vorbeiziehen zu lassen, oder das Risiko einzugehen, mir in ganzen zwei Monaten von 0 auf 100 das Auflegen beizubringen - jedenfalls soweit, um nicht alle zu verschrecken! Ich sagte zu - und stand in den kommenden Wochen täglich oft mehrere Stunden vor den Technics, um ein Set zusammen zu stellen, Übergänge zu lernen, Fehler zu hören, etc.

Am 21.08.2004 war es nun soweit - der erste Gig. Nervosität hoch 10. Ich dachte ich würde es nie überleben. Kam fast zu spät, da wir uns verfahren hatten und wurde ins kalte Wasser gestoßen. Ich musste dann auch noch eine halbe Stunde länger spielen als geplant, schwierig für jemanden, der sich genau ein Set überlegt hat, der keine Zeit hatte, um andere Platten kennen zulernen. Aber es ging. Ich hab’s irgendwie über die Bühne gebracht, ohne das die Menge fluchtartig den Saal verließ. Im Gegenteil: die Leute waren begeistert. Weswegen weiß ich bis heute nicht. Keiner kann behaupten dass dieses Set gut war, auch ich nicht, jedenfalls nicht für das, was ich heute als gut bezeichnen würde.

Aber ich hatte von Anfang an eines: das ich in jedem Set versuche, eine Geschichte zu. Ein Schwank aus meinem Leben. Wie es mir geht. Ob ich traurig oder glücklich bin. Was ich erleben durfte, was ich erleben musste. Ich sag es öffentlich – mit und in meinen Sets.

mm Wenn ich an Österreich denke, fallen mir fette Wiesen ein, sonnige Almen, Wiener Schmäh, Salzburger Nockerln, der Prater, Walzer, Operette und ein abgebrochener Architekturstudent, der meinte, Politiker werden zu müssen. Im Großen und Ganzen also eher Ruhe und Beschaulichkeit. Wenn ich aber ein Set von Dir höre, dann kommst Du sanft und leise angeschlichen mit bezauberndem Lächeln, um einen nach einlullendem Intro nach allen Regeln der Kunst zwei überraschende Stunden lang zu verprügeln. Wir reden hier von Sets, die mich urplötzlich mit 155 Beats aus den Startlöchern katapultieren, um mich nach einigen denkwürdigen Breaks so bei 178 Beats als verzückt lächelndes Häufchen Elend zurück zu lassen. Wie bist Du zu diesem sehr extremen Style gekommen?

Joana (lacht) Nun ja, Österreich ist sicherlich genau das, aber auch noch viel mehr. Wie jedes Land. Ich war immer schon ein Mensch der das Extreme liebt. In fast jeder Lebenslage. Ich mag Extremsportarten. Ich höre Punk. Oder richtig dreckigen Hip Hopp. So war es wohl nicht verwunderlich das mein Weg zum Hardtechno führen wird. Hart und dreckig. So muss es sein! Meine Intros sind der Anfang, der Einstieg in eine Reise. Das Ziel ist das Verständnis, und die Befriedigung. Für mich und die Menschen die mit mir feiern. Hardtech kann wie viele andere Styles monoton wirken. Wenn eben die genannte, sagen wir mal, “Mission”, nicht vorher schon im Kopf stattfindet. Für mich gibt es bei Musik keine Grenzen. Man kann fast alles miteinander verbinden. Man muss nur wissen wie – ohne die Meute zu vergewaltigen.

mm Der harte Techno ist in den letzten Jahren immer mehr dem fröhlichen Geklacker des Minimal gewichen, braver Fahrstuhlmusik, die niemandem weh tut, leicht zu konsumieren, extrem tanzbar und cocktailtauglich. Du aber servierst extrem harten Techno, der weh tut, der polarisiert, der gnadenlos treibt und scheinbar kaum Zukunft hat in einer auf stromlinienförmige Ambivalenz ausgerichteten Zeit. Warum?

Joana Der Herzschlag eines Menschen passt sich den Beats der Musik an. Schlägt unser Herz schneller wie beim Hardtechno, können wir nicht Still halten. Genauso wie sich die Laune hebt, unweigerlich. Allerdings nur für Menschen die offen sind. Für neues. Ich konnte schon eingefleischte House-Fans, etc. davon überzeugen. Keiner kann sich nur einen Style 24 Stunden am Tag anhören. Wie auch? Würde ich den ganzen Tag Hardtechno hören, hätte ich wohl bald einen Herzinfarkt :-) Ich kann immer nur sagen, was mir die Musik gibt, nämlich die Möglichkeit, Aggressionen abzubauen, die Möglichkeit, mein Glück zu fühlen, oder auch mich, aufzumuntern. Ich kann nur die Musik machen, hinter der ich stehen kann. Alles andere wäre ein verlogenes Spiel, das dass Publikum sofort durchschauen würde, und mit dem man niemals von sich überzeugen könnte.

mm Nach welchen Kriterien baust Du Deine Sets auf? Auf was dürfen sich die PartysanInnen gefasst machen?

Joana Wie schon erwähnt, ich versuche, den Leuten eine Geschichte zu erzählen. Natürlich leg ich das noch nicht vorher endgültig fest. Niemand weiß, was einen erwartet, wenn man in eine Stadt, in einen Club, kommt. Drum möcht ich auch immer mindestens eine Stunde vor meiner Spielzeit anwesend sein. Um die Stimmung zu spüren. Die Leute kennen zu lernen. Nicht nur der unberührbare DJ sein - ich will mitfeiern. Ich versuche mich auf die Leute einzustellen, ohne mich selbst zu hintergehen.

mm Du hast mir mal erzählt, dass Du privat sehr gerne die Scheiben von Aggro Berlin hörst. Dass passt zu Deiner Musik ungefähr wie Ketchup zu Salzburger Nockerln. wie kommt’s?

Joana Stimmt nicht ganz. Aggro Berlin ist dreckig. Daher passt es ganz gut zu meiner Musik. Da wären wir wieder bei den Extremen.

mm Fast unverzichtbarer Bestandteil Deiner Sets ist Punk. Wo siehst Du da die Verbindung? Was macht für Dich den Reiz aus?

Joana Stimmt. Punk hat eine ganz eigene Wirkung auf mich. Er schafft es wie Hardtechno, mich aufzumuntern. Oder mich in Partystimmung zu versetzen. Punk hat die richtige Härte für mich. Einer meiner Lieblingssongs ist zum Beispiel “Fuck Authority” von Penny Wise.

mm Wenn ich Dich beobachte beim Auflegen, fallen mir zwei Dinge auf. Erstens: Deine Gesten sind spärlich, ab und an ein leises Lächeln ins Publikum, ein im Rhythmus gehobener Arm, immer wieder aber Blickkontakt zum Feiervolk. Dennoch beschreiben Die Leute, ob Männlein oder Weiblein, zuerst Deine Souveränität und Deinen Charme. Wusstest du das? Wenn ja, hast Du eine Erklärung dafür?

Joana (lacht) Nein, so genau wusste ich das nicht. Blickkontakt ist für mich sehr wichtig. Wichtiger als ständig die Arme hoch zu reißen, wenn es vielleicht gar nicht passt, oder zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd. Weniger ist mehr. Dadurch merkt man, ob das Publikum gefallen findet, ob man noch mehr Gas geben kann - oder lieber ein wenig langsamer werden sollte. Auch wenn man als DJ meistens erhoben steht, möchte ich genau das durch den Blickkontakt fallen lassen. Ich liebe es, wenn ich auf gleicher Höhe mit den Zuhörern stehen kann. Leider ist das so gut wie nie möglich.

mm Im Gegensatz zu vielen Kollegen lässt Du die Effektbox Deines Mixers weitestgehend in Ruhe. Warum? Wie würdest Du Dein Mixing bezeichnen?

Joana Jep. Danach werd ich relativ oft gefragt, bzw. oft darauf angesprochen. Effekte sind schön und gut, und im richtigen Moment eingesetzt eine schöne Untermauerung. ABER ich halt nicht viel davon Sets ständig mit Effekten zu überspielen, da geht die eigentliche Musik verloren. Viele überspielen verpatzte Übergänge mit Effekten. Wozu? Jeder macht Fehler, und zu denen sollte man auch stehen!

mm Ich habe Dich noch nie Backstage erlebt, immer eher mitten drin. Wie kommt’s? Keine Lust auf Star sein für ein paar Stunden?

Joana Wir sind alle nur Menschen. Keine Unterschiede, egal was wer macht. Was soll ich Backstage? Langweilig herum sitzen? Toll. Ne, ich will feiern, ich will die Leute erleben. Außerdem find ich’s immer wieder toll, die Blicke zu erleben, wenn die “Kleene”, die vorher mittendrin stand, plötzlich an den TT´s steht. Überraschungen vorprogrammiert :)

mm Sex sells, das ist bekannt. Hat dir das Frau sein beim Einstieg geholfen? Oder war es gerade mit Deinem musikalischen Style schwieriger, sich als Frau gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen?

Joana Beides. Natürlich ist es für eine Frau in einer Männerdomäne wohl etwas leichter, Anschluss zu finden, weil es einfach nicht so viele gibt. Allerdings nützt einem das alles nichts, wenn man sich nicht durchsetzen kann. Als Frau hat man beim DJing mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Muss sich ständig beweisen. Das macht es auf der anderen Seite wieder schwerer. Ohne große Klappe kommst du nicht weit. Ich würde sagen, es ist ziemlich ausgeglichen. Frau sein hat beim DJing Vor- und Nachteile.

mm Bist du gefördert worden? Erfährst Du sinnvolle Förderung und Unterstützung, oder musst Du Dich selbst durchbeißen, Dir Deine Erfahrungen alleine Erarbeiten?

Joana Ich kannte niemanden. Hatte niemanden, der mir Bookings zugetragen hat, oder mir jemals etwas erklären konnte. Was ich weiß, habe ich mir selbst beigebracht. Ich musste selber auf die Schnauze fallen. Aber nur so lernt man es doch. Ich würde mich nicht gerne mit fremden Federn schmücken.

mm Wie sind Deine Erfahrungen als “Newcomerin”? Wie gehen Veranstalter mit dir um?

Joana Das zu Verallgemeinern ist schwer. Für die einen bin ich vielleicht ein Newcomer, für die anderen nicht. Aber an sich hab ich die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch, auf den man offen zugeht, gleiches tut. Ausnahmen bestätigen die Regel.

mm Machst Du selbst auch Veranstaltungen?

Joana Ich seh’ mich ehrlich gesagt nicht so gerne in der Rolle eines Veranstalters. Zwei Partys durfte ich mein eigen nennen. Beide mit sehr großem Erfolg. Trotzdem ist das kein Job für mich.

mm Was ist Dir da bei der Zusammenstellung des Line-up wichtig?

Joana Der Aufbau ! Das Line-up sollte logisch überlegt sein, sollte keine zu großen Ups und Downs zulassen. Aufsteigen - und Abbauen. Damit keine Leere entsteht.

mm Immer mehr DJs produzieren selbst oder lassen produzieren. Wie ist das bei Dir?

Joana Ich produziere selbst. Ich könnte aber auch nicht hinter einer Musik stehen, die nicht meine ist, bzw. diese als meine verkaufen, ohne mir schäbig vorzukommen. Natürlich tu ich mich zeitmäßig oft etwas schwer.

mm Wie kamst Du zum Produzieren?

Joana Naja.. das eine ergab das andere. Sein eigenes Ding durchziehen. Dazu gehört auch seine eigene Musik zu produzieren.

mm Hast Du da überhaupt eine Chance, an Label oder gar Vertrieb zu kommen?

Joana Ähm, ehrlich gesagt ja, ich hab da schon sehr viele Anfragen :-)

mm Wie sind da Deine weiteren Pläne?

Joana Weiter an meinen Produktionen zu arbeiten, und soviel als möglich Aufzulegen, um den Menschen Hardtech wieder ein wenig näher zu bringen.

mm Wie siehst Du Deinen weitern musikalischen Werdegang?

Joana Gute Frage. Das kann ich noch gar nicht beantworten. Ich bin für alles offen. Sozusagen für alle Schandtaten bereit.

mm Welchen Rat gibst Du jungen Leuten mit auf den Weg, die unbedingt DJ werden wollen?

Joana Der Weg ist das Ziel. Jeder sollte sich klar werden, das DJing nicht nur Glamour und Reichtum ist, sondern auch vor zehn Leuten in einem riesigen Club zu spielen und viel Geld hineinzustecken und vielleicht irgendwann einen Bruchteil dessen zurück zu bekommen. Und vor allem sollte die Musik im Vordergrund stehen, nichts anderes!

mm Wann kann man Dich wo hören, Joana?

Joana Im Juni wieder mal nach langer Zeit in Österreich, im Juli wieder in Berlin. Es gibt jetzt einige Termine, ich werd versuchen so bald als möglich die neuesten Dates auf meiner HP zu veröffentlichen. Versprochen ;-)

mm Zum Schluss hast Du nun die Gelegenheit, den Lesern etwas mitzuteilen, was dir wichtig ist, was Du als Statement unbedingt loswerden möchtest.

Joana Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder toleranter Ihrer Umwelt gegenüber werden. Leben und leben lassen. Es könnte doch so einfach sein.

mm Ach, eine ganz private Frage habe ich noch: Magst Du Mozartkugeln?

Joana Ehrlich gesagt nicht sonderlich *lach*

mm Vielen Dank für die Informationen, für die Zeit, die Du uns gewidmet hast. Weiterhin alles Gute und viel Erfolg.

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Der Beitrag wurde am Dienstag, den 16. Mai 2006 um 20:56 Uhr veröffentlicht und wurde unter Interviews abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

3 Reaktionen zu “Interview mit Miss Joana aus Linz: hart - aber herzlich…”

  1. Praktikant

    Sehr schönes Interview. Und man sieht der dame ihre 114 Jahre nicht an. ;)
    Ra ra ra rock me ama-joana.. :)

  2. madmarx

    Jooooa - aber ich habe den Zahlendreher mal eben korrigiert…

  3. Praktikant

    Ahso.. ich dachte es wäre ne verschlüsselung, da man über das alter einer lady ja normalerweise nicht spricht. ;) aber bei so wenig lenzen, kann man dies dann ja doch noch.

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