Eine Betrachtung der politischen Lager sowie der Wählerwanderung ergibt, dass der Wahlverlierer das demokratische System und das Rot-Grüne Projekt ist. Dagegen haben die Linke und die Piraten gewonnen.
1. Schwarz-Gelb hat nicht gewonnen – Schwarz Gelb ist nur übrig geblieben
Entgegen aller Unkenrufe aus der Öffentlichkeit haben die politischen Lager durchaus Bestand. Im Wesentlichen gibt es im Bundestag nach der Wahl am Sonntag drei Lager, dass Rechts-Mitte Lager oder auch das Projekt Schwarz-Gelb – von den entsprechenden Protagonisten auch gern als „Bürgerliche Mehrheit“ bezeichnet – „ist tatsächlich Kanzler“.
Danach wäre das Rot-Grüne Lager der Links-Mitte Ausrichtung zu nennen.
Das letzte und kleinste Lager wird nur von der Links-Partei vertreten, es handelt sich um eine Art sozialistisches Lager – zumindest würde man es so in anderen Ländern nennen.
Interessant sind nun die Ergebnisse der Lager, sie erhellen so manchen politischen Horizont.
So wird ersichtlich das Schwarz-Gelb keine Stimme dazu gewonnen hat, das Gegenteil ist der Fall.
21.279.193 Menschen hatten 2005 dem Schwarz-Gelben Projekt ihre Stimme gegeben, 2009 waren es 20.968.027 und damit rund 300.000 weniger. Der „Sieg“ von Schwarz-Gelb beruhte also im Wesentlichen auf den Verlusten der SPD, denn alle anderen Parteien, außer der CDU natürlich, haben dazu gewonnen.
Das Rot-Grüne Projekt ist von den Wählern deutlich abgestraft worden, anstatt 20.032.991 Stimmen konnte es 2009 nur noch 14.630.000 Stimmen auf sich vereinen. Deutlich sind hier die fehlenden sechs Millionen Stimmen der SPD zu sehen.
Dagegen hat die Linke als quasi isolierte Lagerpartei auch absolut dazu gewonnen hat. Von 4.118.000 Stimmen schnellte sie auf 5.153.884 Kreuze auf den Zetteln.
Gern wird in den Medien derzeit darauf verwiesen, dass Schwarz-Gelb den „Sieg“ errungen hätte. Tatsächlich hat natürlich Schwarz-Gelb viele Stimmen auf sich vereinigt und wird damit die Kanzlerschaft unter „Angie“ stellen. Wird jedoch die Wahlbeteiligung mit einbezogen haben nur 34 Prozent der Wahlberechtigten die Regierung legitimiert. Dagegen haben 66 Prozent der Wahlberechtigen gegen sie gestimmt oder sich der Stimme enthalten.
Ein genauer Blick auf Wählerwanderungen zeigen noch andere Effekte.
Die Wählerwanderung zeigt à Die Erosion des Wahlsystems.
Immerhin wird in den Medien durchaus darauf verwiesen, dass die Wahlbeteiligung besorgniserregend niedrig war. Das ist nun nichts Neues, seit Jahren ist die Wahlbeteiligung eher gesunken. Allerdings war die Bundestagswahl immer das Flaggschiff, dass nun etwa sieben Prozent! Wahlbeteiligung einbüßt.
Dies wird in den Medien vor allem der SPD angelastet. Schon ein oberflächlicher Blick auf die Wahlwanderungen lässt jedoch eine etwas andere Gewichtung vermuten, als Quelle dienten im Folgen die Wahlwanderungszahlen auf www.süddeutsche.de. .
Tatsächlich hat die SPD über zwei Millionen Nichtwähler zu verantworten, dass heißt zwei Millionen Wahlberechtigte haben 2005 SPD gewählt und taten das 2009 nicht mehr. Der gesamte Nichtwählerzuwachs ist jedoch wesentlich größer, etwa 4,3 Millionen Menschen haben 209 nicht mehr gewählt.
Wie nicht anders zu erwarten, haben die sechs Parteien daran den Löwenanteil zu tragen. Mindestens 3,8 Millionen Menschen wurden von ihnen vergrault.
Das Rot-Grüne Lager ist mit 2,2 Millionen dabei, wobei nur wenige Zehntausend auf die Grünen entfallen.
Das Schwarz-Gelbe Lager hat 1,3 Millionen das Wählen vermiest, wobei der größere Anteil auf die CDU entfällt.
Nicht zuletzt hat auch die Linke dazu verholfen 350.000 Wähler aus dem Wahlsystem zu entfernen.
Eine Tabelle zeigt noch mal, welches Lager aus welchem Lager Stimmen abgezogen hat. (Hinweis die Zahlen aus süddeutsche.de und dem offiziellen Wahlergebniss differieren um etwa 20%, dennoch dürfte der Trend stimmen.)
| Schwarz-Gelb | Rot-Grün | Linke | Nichtwähler | |
| Aus Rot-Grün | + 1.350.000 | (860.000 innerhalb zu den Grünen) | +1.240.000 | +2.170.000 |
| Aus Schwarz-Gelb | (innerhalb 1.130.000 zu FDP) | -1.350.000 | +20.000 | +1.280.000 |
| Aus Linke | - 20.000 | -1.240.000 | — | +350.000 |
| Aus Nichtwähler | - 1.280.000 | -2.170.000 | -350.000 | — |
| Gesamt | -50.000 | -4.760.000 | +910.000 | 3.800.000 |
Die enorm gestiegene Bedeutung des Lagers der Linkspartei zeigt sich daran, dass sie als einzige auch absolut dazu gewonnen hat. Alle etablierten Lager haben verloren, wenn auch in sehr unterschiedlichen Maßen. Damit hat sich eine Konfliktlinie seit 2005 durchgesetzt. Damals zog die Linke einige Stimmen von den etablierten Parteien, besonders der SPD ab. Dieser Effekt hat sich jetzt vervielfacht. Kampagnen gegen die Linke haben offenbar bewirkt, dass sie von vielen SPD-Wählern als unwählbar angesehen wurde, ebenso wie ein mögliches Schreckgespenst „Schwarz-Gelb“. Dies führte etwa zwei Millionen in die Nichtwählerschaft.
Die Partei der Nichtwähler, lässt als stärkste Fraktion das politische System erodieren. Entgegen der Schwarz-Weiß-Malerei in den Medien sollte man jedoch nicht glauben, dass alle Wähler vom demokratischen System überzeugt wären.
Bei Umfragen in der ARD am Sonntag zeigte sich deutlich, dass gerade die Volksparteien CSU, SPD und CDU als unglaubwürdig angesehen wurden.
60 Prozent aller FDP-Wähler glaubten nicht, dass die Partei tatsächlich die Steuern senken würde, und 67 Prozent aller Wähler sagten, dass die SPD ihr sozialdemokratisches Profil aufgegeben habe.
Unglaubwürdigkeit, Profil aufgegeben und berechtigte Zweifel haben in Kombination mit den Nichtwählern als stärkste Fraktion das demokratische Wahlsystem erodieren lassen. Einzig die Linke hat wirklich gewonnen.
Doch auch hier muss die Frage gestellt werden, wie viel die Linke aus Protest gewählt haben? Die Umfragewerte der Partei in wahlentscheidenden Themen wie Wirtschaftskompetenz und Schaffung von Arbeitsplätzen waren nicht berauschend und passen daher auch nicht zu ihrem Erfolg. Fazit: Viele die Linke gewählt haben, trauen ihr nichts zu. Der Zuwachs steht also auf dünnem Eis.
Zu guter Letzt sei noch die Piratenpartei erwähnt. 2,0 Prozent oder auch weit über 800.000 Wähler sind im Gerontenstaat Deutschland ein gehöriger Erfolg. Während gut gesättigte Westrentner am Wörthersee bei Schwarzwälder Kirsch veraltete Volksparteikonzepte unterstützen, haben die jungen Deutschlands ein eigenes Projekt auf die Beine gebracht. Allerdings fehlt es den Piraten an nahezu jeder Kompetenz, außer eben im Internetbereich. Das wird künftig sich ändern müssen.
Politische Entscheidungen haben nicht selten die Angewohnheit exponential zu steigen. Lange passiert nichts und dann kracht es richtig. Das ist wie bei dem Mann der aus dem Fenster springt und bei jedem weiteren Meter denkt – Bis hierhin ging’s noch gut…